Tag Archives: Stille

Herbstmelancholie

2 Dez

Grau in grau, Tag für Tag – die Sonne macht sich rar und die Natur bereitet sich auf eisige Temperaturen vor. In den Städten erleuchten langsam die Weihnachtslichter und in den Geschäften herrscht Hektik und Trubel – will doch jeder dieses Jahr so früh wie möglich alle Geschenke für ihre Liebsten und Bekannten gekauft haben. Und sie mittendrin – fühlt sich wie in einem Zeitraffer. Sie glaubt zu fühlen, wie Sekunden, Minuten, Tage, Woche, Monate, Jahre an ihr vorbeiziehen. Es lähmt sie und es stimmt sie traurig: So viele verpasste Momente in all‘ dieser Hektik und diesem Alltagsstress. Die Adventszeit versetzt so viele in Panik – muss doch alles noch in diesem Jahr erledigt werden – als wäre es das letzte Jahr auf Erden.

Und sie fühlt sich ein wenig schlecht, während sie sich nochmal in ihrem Bett umdreht und die Zeit an sich vorbeiziehen lässt, während vor ihrem Fenster die Menschen so beschäftigt durch die Straßen hetzen und sie einfach nur die Stille um sich herum aufsaugt und zumindest für einen Bruchteil einer Sekunde das Gefühl hat, sie kann die Zeit anhalten – nur sie und diese schon fast greifbare Ruhe.

Für den Bruchteil einer Sekunde die Welt anhalten: Menschen erstarren während ihrem geschäftigen Tun, die Blätter von den Bäumen verharren im Fall, die Uhren bleiben stehen und der Lärm der Straßen verstummt.

Und mit dem ersten Ton des Weckers setzt sich die Welt wieder in Bewegung, doch ihr bleibt dieser Moment Ruhe, von dem sie den Tag über zehren kann, an den sie sich zurückerinnern kann, wenn sich ihr die Welt wieder einmal zu schnell dreht.

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Schaubild ihrer Selbst

14 Mai

Sie liebt das Lesen, Malen, Basteln, Schreiben – all‘ die kreativen Formen, die es ihr erlauben, ihre Seele nach außen zu kehren. Doch sitzt sie da, starrt auf das leere Blatt Papier und weiß nichts damit anzustellen. Sie nimmt einen Stift in die Hand ohne zu wissen, was sie mit diesem machen soll. Sie spürt die Leere in sich – ebenso leer wie das Blatt Papier, das noch immer unberührt vor ihr liegt. „Wenn ich die Seele nach außen kehren will, dann wird das Blatt wohl für immer leer sein“, denkt sie im Stillen.

Und weil sie die Leere und Stille nicht mehr erträgt, schaltet sie Musik ein. Doch sie kann sich nicht entscheiden, welchen Titel sie hören möchte, schaltet immer wieder ein Lied weiter, wieder zurück, doch wieder weiter, ändert die Musikrichtung und schaltet schlussendlich die Musik wieder aus.

Vielleicht Fernsehen: Schaltet den Fernseher ein, wählt jeden einzelnen Sender mehrmals an um auch den Fernseher schlussendlich wieder verstummen zu lassen.

Nachdem sie eine gefühlte Ewigkeit für dem Bücherregal verbracht hatte um etwas Lesenswertes zu finden, kehrt sie ohne Buch, dafür mit einem Bündel schwerer Gedanken, die ihr die Schultern runterziehen zum leeren Blatt Papier zurück, dass sie, wie es ihr scheint, erwartungsvoll anschreit, sie solle doch endlich den Stift zur Hand nehmen und ihre Seele nach außen kehren.

Sie nimmt erneut den Stift in die Hand und fasst all‘ ihren Mut zusammen, schreibt zögernd ein Wort auf das Papier, mittig, umrandet es, betrachtet es, schreibt noch ein Wort, umrandet es auch und während sie so Wort für Wort auf das Papier bringt, immer wieder umrandet, miteinander verbindet, entsteht nach und nach ein Schaubild ihrer Selbst – ihrer Seele – und sie spürt, dass es gar nicht so leer ist in ihr, dass es gar nicht so leise ist. Da schreien Gefühle, die sie lange missachtet, nein, vielmehr bewusst ignoriert hat, die jetzt ihre Aufmerksamkeit suchen: Wut und Trauer über verloren geglaubtes und Vergangenes; Hass gegenüber anderen aber vor allem gegenüber sich selbst; Narben der Zeit, die von neuem pochen und aufzureißen scheinen; Zweifel an der Richtigkeit ihres Weges, ihres Daseins, ihres alltäglichen Handelns; fehlende Akzeptanz gegenüber ihres eigenen Seins, ihres Körpers, ihrer Gedanken aber vor allem gegenüber ihrer Existenz als Frau sowohl in der Gesellschaft als auch in ihrer Partnerschaft; tiefe Liebe, die sie für ihre Familie, Freunde und insbesondere für ihren Partner hegt, aber auch tiefe Angst, dass diese Liebe nicht erwidert wird, da sie sich selbst diese Liebe nicht erwidern kann.

Sie betrachtet das Schaubild, wischt sich eine Träne aus dem Gesicht und zerknüllt es nach einiger Zeit, nimmt ein neues Blatt Papier und schreibt, zuversichtlich und voller Hoffnung nochmals ein Wort in die Mitte; doch diesmal lässt sie es stehen, alleine, denn es soll ihr als Mahnmal dienen:

DANKBARKEIT

Und plötzlich war es weg

22 Okt

Es sollte ihr letztes Treffen werden; sie hatte es tagelang geplant, mit ihren Freundinnen darüber diskutiert, jeden einzelnen Satz, den sie sagen wollte, immer und immer wieder im Kopf abgespielt, korrigiert, verändert bis hin zur Perfektion, denn sie wollte dem Ganzen ein Ende setzen; ein Ende ähnlich einem Suizid mit dem Unterschied, dass nicht sie selbst sondern die Liebe zu ihm sterben sollte und um dies zu bewirken brauchte sie dieses letzte Treffen, von dem sie sich Klarheit in Form von harten, unverfälschten Worten erhoffte; Worte, die nur er ihr sagen konnte, denn nur er kannte die Antworten auf ihre Fragen, die schon viel zu lange unbeantwortet in ihrem Kopf waren und sie beinah um den Verstand brachten.

„Er muss mir sagen, dass er mich nicht will, dass er mich nicht liebt! Nur er kann den Schlussstrich ziehen und das ganze Drama, mein Gefühlschaos, beenden. Er muss es sagen und ich bekomme ihn dazu, es zu sagen!“, flüstert sie immer und immer wieder vor sich hin während sie auf dem Weg zu dem besagten letzten Treffen ist und sie wird zunehmend nervöser, wird unsicher, spürt, wie sie zu zittern beginnt und spricht sich immer wieder neuen Mut zu, denn sie ist sich sicher, dass dies die letzte Chance ist, die letzte Möglichkeit, wieder glücklich zu leben und irgendwann auch wieder glücklich lieben zu können, hiefür muss sie jedoch die Chance nutzen.

Als sie sich gegenüber sitzen, schweigen, Kaffee trinken und sie sich fragt, ob sie den Mut hat den Anfang zu machen, so entscheidet sie sich zunächst die Stille auszuhalten, auszuharren, zu warten, wer die Stille als erstes nicht mehr erträgt; und sie nutzt diese Zeit um ihn zu mustern, äußerlich, innerlich, und das „Etwas“ zu suchen, das ihr den Verstand geraubt hatte, ihr Herz stiehl; und wie sie ihn so ansieht und sucht, vergeblich, es nicht glauben mag, von neuem beginnt zu suchen, immernoch nichts findet, tief in sich hört und feststellt, dass das Herzklopfen aufgehört hat, dass die Schmetterlinge im Bauch verschwunden sind, so stellt sie fest, dass es vorbei ist: Sie hat das Gefühlschaos überwunden und dafür waren keine klaren Worte nötig, keine Antworten auf ihre Fragen, es war einzig und allein die Stille nötig, die ihr ermöglichte, ihre Liebe zu ihm zu reflektieren.

Und plötzlich war es weg: Das Gefühlschaos, das Liebeskummer, die schreckliche Trauer, die Wut, die Enttäuschung, der Schmerz, die Panik und schlussendlich auch die Liebe. Zurück bleibt eine schmerzvoll schöne Erinnerung an eine vergangene Liebe.