Tag Archives: Gefühle

Zwischen Müssen und Wollen

9 Mrz

Sie will schreien – laut, unaufhörlich, befreiend! Ständig wird ihr gesagt, was sie machen muss; manchmal direkt, manchmal indirekt: „Du musst mehr Ordnung halten. Du musst deine Launen besser im Griff haben. Du musst dich gesünder ernähren. Du musst mehr Sport machen. Du musst aufhören zu rauchen. Du musst abnehmen. Du musst dich angemessener kleiden. Du musst dich mehr pflegen. Du musst Make-Up tragen. Du musst dich weiblicher kleiden. Du musst deine Weiblichkeit verstecken. Du musst weniger auffallen. Du musst deine Stimme erheben und laut sein. Du musst mehr lesen. Du musst dich mehr ums Weltgeschehen kümmern. Du musst deine Rolle als Frau ernst nehmen. Du musst gegen die Rollenbilder der Frauen kämpfen. Du musst eine gute Freundin sein. Du musst aufhören dich anzupassen. Du musst dich besser anpassen. DU MUSST!“

Doch was sie will, darauf achtet niemand; immerhin meinen es doch nur alle gut. Aber eigentlich will sie gar nichts müssen und sie fragt sich warum sie überhaupt muss. Jedes „Muss“ raubt ihr ein Stück ihrer Selbst aber vor allem ein Stück ihrer Freiheit. Und mittlerweile will sie nur noch schreien – um ihrer Freiheit Willen und um ihrer Selbst Willen! Sie will sich nicht mehr vorschreiben lassen, was sie machen muss, sie will sich nicht mehr vorschreiben lass, was die Gesellschaft und ihr Umfeld von ihr erwarten. Sie fragt sich aber auch, was wohl passieren wird, wenn sie nicht die Erwartungen aller erfüllt. Vermutlich wird nichts passieren, mit dem sie nicht umgehen könnte, stellt sie entschieden fest. Und sie schreit in die Welt, in jede einzelne Schicht der Gesellschaft und ins Gesicht jedem Einzelnen, der ihr ein „Muss“ auferlegt hat, dass sie verdammt nochmal gar nicht MUSS – und sie schreit sich Stück für Stück ihre Freiheit zurück und spürt mit jedem Stück Freiheit, wie sie sich nach und nach von jedem „Muss“ befreit und somit sich selbst wieder Stück für Stück näher kommt!

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Nichts gesucht und doch (nichts) gefunden

22 Nov

Sie suchte nichts, denn sie wollte nichts – zumindest momentan. Zu schwer waren die Lasten der letzten Jahre und zu schwer war es für sie gewesen, diese Lasten nach und nach abzuwerfen. So frei wie sie sich jetzt fühlte – das wollte sie nicht aufgeben. Würde sie jetzt anfangen zu suchen, was würde sie finden? Viel wichtiger jedoch wäre die Frage: Nach was würde sie suchen? Und würde das, was sie finden würde, ihr das Gefühl der Freiheit rauben? Mit welchem Gefühl würde es ersetzt werden? Könnte die Freiheit nicht neben dem neuen Gefühl weiter existieren? Und was würde passieren, wenn sie ohne, dass sie danach suchen würde doch etwas neues finden würde? Was, wenn sie sich neu verlieben würde? Was würde sich ändern?
Diese Gedanken lösten Angst und Panik in ihr aus – sie war noch nicht bereit für erneute Veränderungen. Aus diesem Grund entschied sie für sich bewusst nichts zu suchen! Auf keinen Fall wollte sie etwas finden, dass ihre momentane Lebenssituation auch nur im geringsten stören oder ändern könnte – sollte es noch so positiv sein. Und während sie diese Plan versuchte in die Tat umzusetzen, hielt das Leben ganz andere Pläne für sie bereit.

Heute schaut sie zurück – nach Jahren – und erinnert sich an das Gefühl von damals, das Gefühl von Freiheit, von Unabhängigkeit. All‘ die Veränderungen der letzten Jahre – was haben sie ihr gebracht? Das Gefühl von damals ist mittlerweile verschwunden, doch all‘ das Neue ist mittlerweile zu einem für sie nicht mehr wegzudenkenden Lebensinhalt geworden – es hat ihr so viel gegeben – doch nicht alles was sie bekam war positiv. Heute, während sie zurückblickt spürt sie die Last auf ihren Schultern – lange nicht so schwer wie damals, eigentlich kaum spürbar, aber trotzdem vorhanden. Und sie fragt sich, leise, denn sie traut sich kaum diesen Gedanken laut auszusprechen, ob all‘ das, was sie gefunden hatte, was sie geschenkt bekam, obwohl sie gar nicht danach gesucht oder gar danach gefragt hatte, wirklich alles für sie ist oder doch einfach nichts. Hätte sie vor all‘ dem Neuen einfach die Augen verschließen und an ihrem Plan festhalten sollen?

Wo wäre sie heute?

Schaubild ihrer Selbst

14 Mai

Sie liebt das Lesen, Malen, Basteln, Schreiben – all‘ die kreativen Formen, die es ihr erlauben, ihre Seele nach außen zu kehren. Doch sitzt sie da, starrt auf das leere Blatt Papier und weiß nichts damit anzustellen. Sie nimmt einen Stift in die Hand ohne zu wissen, was sie mit diesem machen soll. Sie spürt die Leere in sich – ebenso leer wie das Blatt Papier, das noch immer unberührt vor ihr liegt. „Wenn ich die Seele nach außen kehren will, dann wird das Blatt wohl für immer leer sein“, denkt sie im Stillen.

Und weil sie die Leere und Stille nicht mehr erträgt, schaltet sie Musik ein. Doch sie kann sich nicht entscheiden, welchen Titel sie hören möchte, schaltet immer wieder ein Lied weiter, wieder zurück, doch wieder weiter, ändert die Musikrichtung und schaltet schlussendlich die Musik wieder aus.

Vielleicht Fernsehen: Schaltet den Fernseher ein, wählt jeden einzelnen Sender mehrmals an um auch den Fernseher schlussendlich wieder verstummen zu lassen.

Nachdem sie eine gefühlte Ewigkeit für dem Bücherregal verbracht hatte um etwas Lesenswertes zu finden, kehrt sie ohne Buch, dafür mit einem Bündel schwerer Gedanken, die ihr die Schultern runterziehen zum leeren Blatt Papier zurück, dass sie, wie es ihr scheint, erwartungsvoll anschreit, sie solle doch endlich den Stift zur Hand nehmen und ihre Seele nach außen kehren.

Sie nimmt erneut den Stift in die Hand und fasst all‘ ihren Mut zusammen, schreibt zögernd ein Wort auf das Papier, mittig, umrandet es, betrachtet es, schreibt noch ein Wort, umrandet es auch und während sie so Wort für Wort auf das Papier bringt, immer wieder umrandet, miteinander verbindet, entsteht nach und nach ein Schaubild ihrer Selbst – ihrer Seele – und sie spürt, dass es gar nicht so leer ist in ihr, dass es gar nicht so leise ist. Da schreien Gefühle, die sie lange missachtet, nein, vielmehr bewusst ignoriert hat, die jetzt ihre Aufmerksamkeit suchen: Wut und Trauer über verloren geglaubtes und Vergangenes; Hass gegenüber anderen aber vor allem gegenüber sich selbst; Narben der Zeit, die von neuem pochen und aufzureißen scheinen; Zweifel an der Richtigkeit ihres Weges, ihres Daseins, ihres alltäglichen Handelns; fehlende Akzeptanz gegenüber ihres eigenen Seins, ihres Körpers, ihrer Gedanken aber vor allem gegenüber ihrer Existenz als Frau sowohl in der Gesellschaft als auch in ihrer Partnerschaft; tiefe Liebe, die sie für ihre Familie, Freunde und insbesondere für ihren Partner hegt, aber auch tiefe Angst, dass diese Liebe nicht erwidert wird, da sie sich selbst diese Liebe nicht erwidern kann.

Sie betrachtet das Schaubild, wischt sich eine Träne aus dem Gesicht und zerknüllt es nach einiger Zeit, nimmt ein neues Blatt Papier und schreibt, zuversichtlich und voller Hoffnung nochmals ein Wort in die Mitte; doch diesmal lässt sie es stehen, alleine, denn es soll ihr als Mahnmal dienen:

DANKBARKEIT