Tag Archives: Angst

Zwischen Müssen und Wollen

9 Mrz

Sie will schreien – laut, unaufhörlich, befreiend! Ständig wird ihr gesagt, was sie machen muss; manchmal direkt, manchmal indirekt: „Du musst mehr Ordnung halten. Du musst deine Launen besser im Griff haben. Du musst dich gesünder ernähren. Du musst mehr Sport machen. Du musst aufhören zu rauchen. Du musst abnehmen. Du musst dich angemessener kleiden. Du musst dich mehr pflegen. Du musst Make-Up tragen. Du musst dich weiblicher kleiden. Du musst deine Weiblichkeit verstecken. Du musst weniger auffallen. Du musst deine Stimme erheben und laut sein. Du musst mehr lesen. Du musst dich mehr ums Weltgeschehen kümmern. Du musst deine Rolle als Frau ernst nehmen. Du musst gegen die Rollenbilder der Frauen kämpfen. Du musst eine gute Freundin sein. Du musst aufhören dich anzupassen. Du musst dich besser anpassen. DU MUSST!“

Doch was sie will, darauf achtet niemand; immerhin meinen es doch nur alle gut. Aber eigentlich will sie gar nichts müssen und sie fragt sich warum sie überhaupt muss. Jedes „Muss“ raubt ihr ein Stück ihrer Selbst aber vor allem ein Stück ihrer Freiheit. Und mittlerweile will sie nur noch schreien – um ihrer Freiheit Willen und um ihrer Selbst Willen! Sie will sich nicht mehr vorschreiben lassen, was sie machen muss, sie will sich nicht mehr vorschreiben lass, was die Gesellschaft und ihr Umfeld von ihr erwarten. Sie fragt sich aber auch, was wohl passieren wird, wenn sie nicht die Erwartungen aller erfüllt. Vermutlich wird nichts passieren, mit dem sie nicht umgehen könnte, stellt sie entschieden fest. Und sie schreit in die Welt, in jede einzelne Schicht der Gesellschaft und ins Gesicht jedem Einzelnen, der ihr ein „Muss“ auferlegt hat, dass sie verdammt nochmal gar nicht MUSS – und sie schreit sich Stück für Stück ihre Freiheit zurück und spürt mit jedem Stück Freiheit, wie sie sich nach und nach von jedem „Muss“ befreit und somit sich selbst wieder Stück für Stück näher kommt!

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Schaubild ihrer Selbst

14 Mai

Sie liebt das Lesen, Malen, Basteln, Schreiben – all‘ die kreativen Formen, die es ihr erlauben, ihre Seele nach außen zu kehren. Doch sitzt sie da, starrt auf das leere Blatt Papier und weiß nichts damit anzustellen. Sie nimmt einen Stift in die Hand ohne zu wissen, was sie mit diesem machen soll. Sie spürt die Leere in sich – ebenso leer wie das Blatt Papier, das noch immer unberührt vor ihr liegt. „Wenn ich die Seele nach außen kehren will, dann wird das Blatt wohl für immer leer sein“, denkt sie im Stillen.

Und weil sie die Leere und Stille nicht mehr erträgt, schaltet sie Musik ein. Doch sie kann sich nicht entscheiden, welchen Titel sie hören möchte, schaltet immer wieder ein Lied weiter, wieder zurück, doch wieder weiter, ändert die Musikrichtung und schaltet schlussendlich die Musik wieder aus.

Vielleicht Fernsehen: Schaltet den Fernseher ein, wählt jeden einzelnen Sender mehrmals an um auch den Fernseher schlussendlich wieder verstummen zu lassen.

Nachdem sie eine gefühlte Ewigkeit für dem Bücherregal verbracht hatte um etwas Lesenswertes zu finden, kehrt sie ohne Buch, dafür mit einem Bündel schwerer Gedanken, die ihr die Schultern runterziehen zum leeren Blatt Papier zurück, dass sie, wie es ihr scheint, erwartungsvoll anschreit, sie solle doch endlich den Stift zur Hand nehmen und ihre Seele nach außen kehren.

Sie nimmt erneut den Stift in die Hand und fasst all‘ ihren Mut zusammen, schreibt zögernd ein Wort auf das Papier, mittig, umrandet es, betrachtet es, schreibt noch ein Wort, umrandet es auch und während sie so Wort für Wort auf das Papier bringt, immer wieder umrandet, miteinander verbindet, entsteht nach und nach ein Schaubild ihrer Selbst – ihrer Seele – und sie spürt, dass es gar nicht so leer ist in ihr, dass es gar nicht so leise ist. Da schreien Gefühle, die sie lange missachtet, nein, vielmehr bewusst ignoriert hat, die jetzt ihre Aufmerksamkeit suchen: Wut und Trauer über verloren geglaubtes und Vergangenes; Hass gegenüber anderen aber vor allem gegenüber sich selbst; Narben der Zeit, die von neuem pochen und aufzureißen scheinen; Zweifel an der Richtigkeit ihres Weges, ihres Daseins, ihres alltäglichen Handelns; fehlende Akzeptanz gegenüber ihres eigenen Seins, ihres Körpers, ihrer Gedanken aber vor allem gegenüber ihrer Existenz als Frau sowohl in der Gesellschaft als auch in ihrer Partnerschaft; tiefe Liebe, die sie für ihre Familie, Freunde und insbesondere für ihren Partner hegt, aber auch tiefe Angst, dass diese Liebe nicht erwidert wird, da sie sich selbst diese Liebe nicht erwidern kann.

Sie betrachtet das Schaubild, wischt sich eine Träne aus dem Gesicht und zerknüllt es nach einiger Zeit, nimmt ein neues Blatt Papier und schreibt, zuversichtlich und voller Hoffnung nochmals ein Wort in die Mitte; doch diesmal lässt sie es stehen, alleine, denn es soll ihr als Mahnmal dienen:

DANKBARKEIT

Liebend, glücklich und doch verunsichert

16 Okt

Er lächelt sie an: Liebevoll, ehrlich, warmherzig. Sie lächelt zurück: Liebend, glücklich und doch verunsichert.

Er macht ihr Komplimente: Liebevoll, ehrlich, warmherzig. Sie nickt lächelnd: Liebend, glücklich und doch verunsichert.

Er zieht sie mit seinen Blicken aus: Liebevoll, ehrlich, warmherzig. Sie fühlt sich von ihm angezogen: Liebend, glücklich und doch verunsichert.

Er zeigt ihr seine Liebe, spricht sie laut aus: Liebevoll, ehrlich, warmherzig aber vor allem aufrichtig. Sie erwidert seine Liebe: Aufrichtig liebend, glücklich und doch verunsichert.

Obwohl er für sie das größte Geschenk auf Erden ist, sie sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen kann und diese Liebe, die so tief geht und sie emotional so stark berührt, wie noch nie ein Gefühl zuvor, für sie mehr als nur Glück bedeutet – trotzdem ist sie verunsichert! Denn sie kann sich nicht mehr lieben, hat ihren Stolz verloren und sexy fühlt sie sich schon lange nicht mehr. Die Angst zu versagen, nicht die Frau sein zu können, die er verdient, ihn zu verlieren und mit ihm diese Liebe und Wärme – diese Angst lähmt sie zutiefst, lässt sie ihre Mauern hochziehen um schlussendlich an diesen zu zerbrechen.

Tränenüberströmt steht sie nackt vor dem Spiegel, betracht ihren Körper, versucht durch ihn hindurch ihre Seele zu erblicken, doch sieht sie nur durch einen Schleier, welche ihre Schönheit verbirgt.

„Wenn ich mich nicht selbst lieben kann, wer soll es dann können?“, flüstert sie ihrem alten Ego zu.