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Zwischen Müssen und Wollen

9 Mrz

Sie will schreien – laut, unaufhörlich, befreiend! Ständig wird ihr gesagt, was sie machen muss; manchmal direkt, manchmal indirekt: „Du musst mehr Ordnung halten. Du musst deine Launen besser im Griff haben. Du musst dich gesünder ernähren. Du musst mehr Sport machen. Du musst aufhören zu rauchen. Du musst abnehmen. Du musst dich angemessener kleiden. Du musst dich mehr pflegen. Du musst Make-Up tragen. Du musst dich weiblicher kleiden. Du musst deine Weiblichkeit verstecken. Du musst weniger auffallen. Du musst deine Stimme erheben und laut sein. Du musst mehr lesen. Du musst dich mehr ums Weltgeschehen kümmern. Du musst deine Rolle als Frau ernst nehmen. Du musst gegen die Rollenbilder der Frauen kämpfen. Du musst eine gute Freundin sein. Du musst aufhören dich anzupassen. Du musst dich besser anpassen. DU MUSST!“

Doch was sie will, darauf achtet niemand; immerhin meinen es doch nur alle gut. Aber eigentlich will sie gar nichts müssen und sie fragt sich warum sie überhaupt muss. Jedes „Muss“ raubt ihr ein Stück ihrer Selbst aber vor allem ein Stück ihrer Freiheit. Und mittlerweile will sie nur noch schreien – um ihrer Freiheit Willen und um ihrer Selbst Willen! Sie will sich nicht mehr vorschreiben lassen, was sie machen muss, sie will sich nicht mehr vorschreiben lass, was die Gesellschaft und ihr Umfeld von ihr erwarten. Sie fragt sich aber auch, was wohl passieren wird, wenn sie nicht die Erwartungen aller erfüllt. Vermutlich wird nichts passieren, mit dem sie nicht umgehen könnte, stellt sie entschieden fest. Und sie schreit in die Welt, in jede einzelne Schicht der Gesellschaft und ins Gesicht jedem Einzelnen, der ihr ein „Muss“ auferlegt hat, dass sie verdammt nochmal gar nicht MUSS – und sie schreit sich Stück für Stück ihre Freiheit zurück und spürt mit jedem Stück Freiheit, wie sie sich nach und nach von jedem „Muss“ befreit und somit sich selbst wieder Stück für Stück näher kommt!

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Herbstmelancholie

2 Dez

Grau in grau, Tag für Tag – die Sonne macht sich rar und die Natur bereitet sich auf eisige Temperaturen vor. In den Städten erleuchten langsam die Weihnachtslichter und in den Geschäften herrscht Hektik und Trubel – will doch jeder dieses Jahr so früh wie möglich alle Geschenke für ihre Liebsten und Bekannten gekauft haben. Und sie mittendrin – fühlt sich wie in einem Zeitraffer. Sie glaubt zu fühlen, wie Sekunden, Minuten, Tage, Woche, Monate, Jahre an ihr vorbeiziehen. Es lähmt sie und es stimmt sie traurig: So viele verpasste Momente in all‘ dieser Hektik und diesem Alltagsstress. Die Adventszeit versetzt so viele in Panik – muss doch alles noch in diesem Jahr erledigt werden – als wäre es das letzte Jahr auf Erden.

Und sie fühlt sich ein wenig schlecht, während sie sich nochmal in ihrem Bett umdreht und die Zeit an sich vorbeiziehen lässt, während vor ihrem Fenster die Menschen so beschäftigt durch die Straßen hetzen und sie einfach nur die Stille um sich herum aufsaugt und zumindest für einen Bruchteil einer Sekunde das Gefühl hat, sie kann die Zeit anhalten – nur sie und diese schon fast greifbare Ruhe.

Für den Bruchteil einer Sekunde die Welt anhalten: Menschen erstarren während ihrem geschäftigen Tun, die Blätter von den Bäumen verharren im Fall, die Uhren bleiben stehen und der Lärm der Straßen verstummt.

Und mit dem ersten Ton des Weckers setzt sich die Welt wieder in Bewegung, doch ihr bleibt dieser Moment Ruhe, von dem sie den Tag über zehren kann, an den sie sich zurückerinnern kann, wenn sich ihr die Welt wieder einmal zu schnell dreht.

Nichts gesucht und doch (nichts) gefunden

22 Nov

Sie suchte nichts, denn sie wollte nichts – zumindest momentan. Zu schwer waren die Lasten der letzten Jahre und zu schwer war es für sie gewesen, diese Lasten nach und nach abzuwerfen. So frei wie sie sich jetzt fühlte – das wollte sie nicht aufgeben. Würde sie jetzt anfangen zu suchen, was würde sie finden? Viel wichtiger jedoch wäre die Frage: Nach was würde sie suchen? Und würde das, was sie finden würde, ihr das Gefühl der Freiheit rauben? Mit welchem Gefühl würde es ersetzt werden? Könnte die Freiheit nicht neben dem neuen Gefühl weiter existieren? Und was würde passieren, wenn sie ohne, dass sie danach suchen würde doch etwas neues finden würde? Was, wenn sie sich neu verlieben würde? Was würde sich ändern?
Diese Gedanken lösten Angst und Panik in ihr aus – sie war noch nicht bereit für erneute Veränderungen. Aus diesem Grund entschied sie für sich bewusst nichts zu suchen! Auf keinen Fall wollte sie etwas finden, dass ihre momentane Lebenssituation auch nur im geringsten stören oder ändern könnte – sollte es noch so positiv sein. Und während sie diese Plan versuchte in die Tat umzusetzen, hielt das Leben ganz andere Pläne für sie bereit.

Heute schaut sie zurück – nach Jahren – und erinnert sich an das Gefühl von damals, das Gefühl von Freiheit, von Unabhängigkeit. All‘ die Veränderungen der letzten Jahre – was haben sie ihr gebracht? Das Gefühl von damals ist mittlerweile verschwunden, doch all‘ das Neue ist mittlerweile zu einem für sie nicht mehr wegzudenkenden Lebensinhalt geworden – es hat ihr so viel gegeben – doch nicht alles was sie bekam war positiv. Heute, während sie zurückblickt spürt sie die Last auf ihren Schultern – lange nicht so schwer wie damals, eigentlich kaum spürbar, aber trotzdem vorhanden. Und sie fragt sich, leise, denn sie traut sich kaum diesen Gedanken laut auszusprechen, ob all‘ das, was sie gefunden hatte, was sie geschenkt bekam, obwohl sie gar nicht danach gesucht oder gar danach gefragt hatte, wirklich alles für sie ist oder doch einfach nichts. Hätte sie vor all‘ dem Neuen einfach die Augen verschließen und an ihrem Plan festhalten sollen?

Wo wäre sie heute?