Flashback

12 Feb

Ein Geräusch, vielleicht eine Melodie, ein Geruch, eine Lichtreflektion, ein Wort, eine Stimme, eine Situation oder auch nur ein bestimmtes Wetter – auf jeden Fall aber eine kaum wahrnehmbare Kleinigkeit – eine Kleinigkeit, die Großes bewirken kann.

Sie ahnte nichts von der Macht dieser Kleinigkeit als sie morgens aus dem Haus ging und sie kann auch nicht sagen welche Kleinigkeit der Auslöser war. Es kam wie eine gigantische Welle, die über sie einbrach und sie ins Meer von Erinnerungen aus vergangenen Zeiten riss. Die Welle kam so schnell, so plötzlich und so heftig, dass sie sich wie gelähmt fühlte, denn mit den Erinnerungen kamen auch die damit verbundenen Gefühle zurück; Gefühle, die sie nicht mehr fühlen wollte.

All‘ die letzten Jahre hatte sie ihr Leben gelebt ohne zurück zu blicken. Jetzt mit diesen Erinnerungen konfrontiert zu sein, lässt sie taumeln und den Halt verlieren. Diese Erinnerungen stammen aus einer Zeit, an der sie über sich selbst hinausgewachsen ist und sich und ihre Grenzen neu kennenlernte. Sie stammen aber auch aus einer Zeit, die voller Trauer, Wut und Schmerz war. Und in diese Zeit taucht sie gerade erneut ein, spürt erneut tiefste Zuneigung und Liebe, spürt erneut, wie ihr das Herz rausgerissen wird, die Wut auf sich selbst, die Trauer um Verlorenes und der Schmerz, als die alten Wunden erneut aufreißen und zu bluten beginnen. Doch da ist noch etwas – nicht greifbar und kaum zu formulieren, so vage und doch spürt sie es so stark: Unausgesprochenes!

Damals ist schon so lange her und doch fühlt es sich für sie wie gestern an. Damals war für sie eine emotionale Berg- und Talfahrt. Damals flog sie so hoch, beflügelt von Glück, Zufriedenheit und Liebe, doch stürzte sie unerwartet ab, brach sich ihr Herz und war noch lange verwundet. Damals machte sie reinen Tisch mit sich und ihren Emotionen, schrieb sich alles von der Seele, machte einen Neuanfang. Damals erfuhr sie die größten Lektionen und sammelte die wertvollsten Erfahrungen, welche sie erst zu dem Menschen werden lies, welcher sie heute ist.
Damals.

Warum fühlt es sich für sie dann so ungeklärt an?

Sie fühlt sich niedergeschlagen, war sie sich doch so sicher alles richtig gemacht zu haben um nie mehr zurück blicken zu müssen, war sie sich doch so sicher, dass sie gerade glücklich ist. Wäre da nicht die Fragen aller Fragen, auf die es keine Antwort gibt, die sich aber mit aller Gewalt ihr aufdrängt: „Was wäre gewesen wenn?“ Vier Worte die ihr aktuelles Leben vollständig in Frage stellen!

Sie erinnert sich an die Nachricht, die sie damals schrieb –  eine Nachricht voller Herzblut und der ungeschönten Wahrheit – ein Seelenstriptease, wie sie es zuvor niemals tat! Es war eine der schwierigsten Nachrichten, die sie jemals verfasst hatte. Und es ist die einzige Nachricht dieser Art, welche bis heute unbeantwortet blieb. Diese Erkenntnis trifft sie wie ein Schlag ins Gesicht, ist sie doch die Antwort auf das „Warum“.

Sie fragt sich, wie weit sie in die Vergangenheit zurück gehen kann ohne sich auf diesem Weg selbst zu verlieren, sich selbst zu hintergehen – ohne sich zu verirren und ihr wird klar, dass sie heute keine Antwort mehr auf diese Fragen finden kann, haben ihr die Erinnerungen doch zu viel Kraft geraubt.
So legt sie sich erschöpft, müde und mit der großen Hoffnung, dass dieser Flashback am nächsten Morgen vergessen ist, ins Bett.

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Zwischen Müssen und Wollen

9 Mrz

Sie will schreien – laut, unaufhörlich, befreiend! Ständig wird ihr gesagt, was sie machen muss; manchmal direkt, manchmal indirekt: „Du musst mehr Ordnung halten. Du musst deine Launen besser im Griff haben. Du musst dich gesünder ernähren. Du musst mehr Sport machen. Du musst aufhören zu rauchen. Du musst abnehmen. Du musst dich angemessener kleiden. Du musst dich mehr pflegen. Du musst Make-Up tragen. Du musst dich weiblicher kleiden. Du musst deine Weiblichkeit verstecken. Du musst weniger auffallen. Du musst deine Stimme erheben und laut sein. Du musst mehr lesen. Du musst dich mehr ums Weltgeschehen kümmern. Du musst deine Rolle als Frau ernst nehmen. Du musst gegen die Rollenbilder der Frauen kämpfen. Du musst eine gute Freundin sein. Du musst aufhören dich anzupassen. Du musst dich besser anpassen. DU MUSST!“

Doch was sie will, darauf achtet niemand; immerhin meinen es doch nur alle gut. Aber eigentlich will sie gar nichts müssen und sie fragt sich warum sie überhaupt muss. Jedes „Muss“ raubt ihr ein Stück ihrer Selbst aber vor allem ein Stück ihrer Freiheit. Und mittlerweile will sie nur noch schreien – um ihrer Freiheit Willen und um ihrer Selbst Willen! Sie will sich nicht mehr vorschreiben lassen, was sie machen muss, sie will sich nicht mehr vorschreiben lass, was die Gesellschaft und ihr Umfeld von ihr erwarten. Sie fragt sich aber auch, was wohl passieren wird, wenn sie nicht die Erwartungen aller erfüllt. Vermutlich wird nichts passieren, mit dem sie nicht umgehen könnte, stellt sie entschieden fest. Und sie schreit in die Welt, in jede einzelne Schicht der Gesellschaft und ins Gesicht jedem Einzelnen, der ihr ein „Muss“ auferlegt hat, dass sie verdammt nochmal gar nicht MUSS – und sie schreit sich Stück für Stück ihre Freiheit zurück und spürt mit jedem Stück Freiheit, wie sie sich nach und nach von jedem „Muss“ befreit und somit sich selbst wieder Stück für Stück näher kommt!

Herbstmelancholie

2 Dez

Grau in grau, Tag für Tag – die Sonne macht sich rar und die Natur bereitet sich auf eisige Temperaturen vor. In den Städten erleuchten langsam die Weihnachtslichter und in den Geschäften herrscht Hektik und Trubel – will doch jeder dieses Jahr so früh wie möglich alle Geschenke für ihre Liebsten und Bekannten gekauft haben. Und sie mittendrin – fühlt sich wie in einem Zeitraffer. Sie glaubt zu fühlen, wie Sekunden, Minuten, Tage, Woche, Monate, Jahre an ihr vorbeiziehen. Es lähmt sie und es stimmt sie traurig: So viele verpasste Momente in all‘ dieser Hektik und diesem Alltagsstress. Die Adventszeit versetzt so viele in Panik – muss doch alles noch in diesem Jahr erledigt werden – als wäre es das letzte Jahr auf Erden.

Und sie fühlt sich ein wenig schlecht, während sie sich nochmal in ihrem Bett umdreht und die Zeit an sich vorbeiziehen lässt, während vor ihrem Fenster die Menschen so beschäftigt durch die Straßen hetzen und sie einfach nur die Stille um sich herum aufsaugt und zumindest für einen Bruchteil einer Sekunde das Gefühl hat, sie kann die Zeit anhalten – nur sie und diese schon fast greifbare Ruhe.

Für den Bruchteil einer Sekunde die Welt anhalten: Menschen erstarren während ihrem geschäftigen Tun, die Blätter von den Bäumen verharren im Fall, die Uhren bleiben stehen und der Lärm der Straßen verstummt.

Und mit dem ersten Ton des Weckers setzt sich die Welt wieder in Bewegung, doch ihr bleibt dieser Moment Ruhe, von dem sie den Tag über zehren kann, an den sie sich zurückerinnern kann, wenn sich ihr die Welt wieder einmal zu schnell dreht.